
Wenn man in den sechziger und siebziger Jahren in Köln-Nippes aufwächst, stellt sich die Frage ob man ein Karnevalsjeck ist, nicht. Karneval ist ein Termin wie Weihnachten und Ostern, da wird nicht dran gerüttelt. Als Kinder haben wir schon Wochen vorher an unseren Kostümen gebastelt und unsere Mamas mit Extrawünschen („Ich will eine Schreckschußpistole.“) gelöchert. Spätestens im November wusste ich was ich werden wollte und da wurde auch nicht mehr dran gerüttelt. An Weiberfastnacht ging man um acht Uhr in die Schule und um neun Uhr standen wir mit vielen anderen Nippessern auf dem Wilhelmsplatz und jubelten dem Kölner Dreigestirn zu. Denn hier wird und wurde seit je her der Kölner Karneval eröffnet. Es gab die erste Gulaschsuppe des Tages und danach zogen wir mit Trommeln, Pfeifen und allem was krach macht durch die Straßen. Als Kinder nur im Viertel und als Teenies durch die ganze Stadt. Bier und Apfelkorn kamen dazu (jaja, auch früher gab‘s schon betrunkene Jugendliche), wir waren viel zu dünn angezogen und am Aschermittwoch alle krank. Dä, so war dat.
Eigentlich habe ich Karneval nie in Frage gestellt. Ich feiere immernoch gerne, wenn die Gegebenheiten nett sind. Und nett sind sie dann, wenn ich mit lustigen Leuten, bei guter Musik und lecker Kölsch in einer nicht zu vollen Kneipe stehen, reden, tanzen, schunkeln und feiern kann.
Eine Sitte der letzten Jahre verstehe ich aber nicht. Warum stellt man sich bei minus 2 Grad, drei Stunden lang vor einer Kneipe an? Also, wenn wir in Rio wären, schön lecker warm, kühle Getränke in der Hand und Samba im Ohr, würde ich auch vor einer Kneipe warten, aber so? Was geht da ab? Würde drinnen das Paradies warten, okay. Aber was erwartet den Wartenden? Sobald man eintritt bricht man in Schweiß aus; wehmütig verabschiedet man sich von seiner Jacke, weil man nicht weiß ob man sie je wiedersieht; Ohne eigenes Dazutun wird man auf einen Platz geschoben, hofft, dass der Mann mit dem Bier bald vorbei kommt und selbiges einen nicht sofort auf die Toilette treibt. Denn dorthin zu kommen ist Schwerstarbeit, auszuhalten bis man dran ist stellt die Blase auf eine harte Probe und kommt man endlich in die Nähe seines alten Platzes, ist der süße Typ von eben schon längst verschwunden und die Freunde in alle Winde verstreut. Mit etwas Glück trifft man sie beim nächsten Toilettengang. Reden, tanzen und schunkeln ist aus Platzmangel nicht möglich. Rauchen dürfte man zwar, aber die Gefahr seine Nebenleute mit der Zigarette zu verbrennen ist ziemlich groß und Luft bekommt man auch so schon keine.
Wer erklärt mir jetzt bitte mal warum man das macht? Ich verstehe es nicht.
Gleich hat unsere Tochter ihren letzten Auftritt als Tanzmariechen in dieser Session und danach gehen wir zum Biwak der Familie Eisenmenger, lecker Kölsch im Zelt, wat zu müffele, tanzen, schunkeln und die Kinder toben um uns herum, dat ist Karneval.
Prost
balba
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